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Im Mai stellten der beste Chef von allen und ich fest, dass die 2 Jahre seit dem letzten Ersthelferkurs mal wieder fast abgelaufen waren.
Nun ja.
Was soll ich machen? Jede Apotheke muss einen Ersthelfer haben und das bin nun mal ich. Wenn ich nicht JETZT hingehe, verfällt der Kurs und ich kann dann einen komplett Neuen machen, der statt "nur" 8 Std. Auffrischung 16 Stunden dauert und als ich das nüchtern betrachtete, war es wohl sinniger, in den sauren Apfel zu beissen und mich auf den Weg zu machen.
Eigentlich hatte ich Urlaub, aber den durfte ich dann für heute unterbrechen und so stand ich seufzend morgens in der Küche, um Brote zu schmieren und mich meinem Schicksal zu ergeben.
Ich hatte schon einen schlechten Start.
Ich habe von meinem himmlischen Vater unglaublich viele Gaben und Talente geschenkt bekommen, allerdings habe ich wohl bei der Vergabe des Orientierungssinnes irgendwie nicht "Hier" geschrien.
Zweimal schon war ich im Rote Kreuz Zentrum, allerdings bin ich noch nie mit der Straßenbahn gefahren und so stand ich dann rechtzeitig mit 20 Min. Vorsprung auf einer verkehrsreichen Straße und überlegte, ob ich nun nach links oder rechts musste.
Natürlich ging ich rechts... immer schön stadtauswärts und merkte erst nach 10 Min. strammen Fussmarsches bei praller Sonne (um kurz nach 8:00!!!!), dass ich munter in die falsche Richtung lief. Mittlerweile war der beruhigende Vorsprung zu einem ziemlich beunruhigenden Nicht-Vorsprung dahingeschmolzen und so nahm ich die Beine in die Hand. Natürlich hätte ich mich auch in aller Ruhe erstmal orientieren können, aber das hatte ich irgendwie "vergessen".
So stolperte ich mit nur 5 Min. Verspätung mit hochrotem Kopf in den Tagungsraum, wo ich mich hechelnd, bis auf die Knochen durchgeschwitzt auf einen Stuhl fallen liess.
"Meine Name ist Tristesse und ich habe einen ganz, ganz miesen Orientierungssinn!" lautete meine Vorstellung und damit hatte ich die Lacher auf meiner Seite. Ist halt die Frage, was es da zu lachen gibt, wenn man gemütlich mit Auto oder Fahrrad anreist!
Dies war mein 5. Ersthelferkurs und mittlerweile fühle ich mich bei dieser Veranstaltung ausgesprochen zu Hause. Den Ausbilder kannte ich noch nicht (war auch mal eine nette Abwechslung!) und der muntere junge Herr da vorne setzte uns gleich davon in Kenntnis, dass er versuchen würde, es so kurz wie möglich zu machen, um uns nicht bei diesen tropischen Temperaturen vom Gang ins Freibad abzuhalten. Allgemeine Zustimmung der Anwesenden! Da wir alle den Kurs mehr als einmal absolviert hatten, hätten wir gleich nach Hause gehen können, aber dafür hat die Berufsgenossenschaft ja nicht bezahlt.
Die Themen sind immer diesselben: Massnahmen am Unfallort, stabile Seitenlage, Herz-Lungen-Massage mit Mund-zu-Mund-Beatmung (meine "Puppe" hiess "Rainer" und war nicht sehr kooperativ, ich habe ihm sämtliche Rippen gebrochen und die Luft kam ÜBERALL an, nur nicht in seinen Atemwegen!!!), Wundversorgung und das Abkauen der 5 "W-Fragen", etc, etc, etc. Sogar die Folien hatten sich in den letzten 2 Jahren nicht geändert.
Aber ich habe festgestellt, dass es doch jedes Mal anders ist. Zum einen hängt das am Engagement der Ausbilder, zum anderen an der buntzusammengewürftelten Truppe, die eher unfreiwillig (nur einer war aus eigener Initiative erschienen!) aufkreuzt und wirklich überall sein möchte, nur nicht an diesem Ort!
Im Gegensatz zum letzten Mal vor 2 Jahren (vorwiegend pakistanische "Burger King"- Mitarbeiter, der deutschen Sprache nicht wirklich mächtig - wäre meine Mama nicht dabei gewesen, wäre ich wohl durchgedreht!!!!) hatte ich eine wirklich sehr engagierte, lebhafte und humorvolle Gruppe erwischt. Was haben wir gelacht, gewitzelt und morbide Sprüche ausgetauscht!
Nicht nur während der Unterreichtseinheiten, sondern auch in den Pausen kamen wir locker und zwanglos ins Gespräch und die erste Verlegenheit wich einem erfrischenden "Wir-Gefühl".
Die etwas schmächtige alte Dame aus dem Altenheim wurde frenetisch bejubelt, als sie es endlich nach mehrfachen Versuchen schaffte, ihrer Puppe Leben einzuhauchen. Kleingeld für den Kaffeeautomaten wurde bereitwillig gewechselt, irgendwann waren wir beim freundschaftlichen "Du" und zu fortgeschrittener Stunde hatte Stefan, unser Ausbilder, seine Mühe, uns immer wieder zum Thema zurück zu bringen.
Stefan war klasse! In meinem Alter, interessant tätowiert (ich versuchte ständig verzweifelt zu erkennen, was für ein Spruch auf seinem Unterarm eingraviert war und habe es dann doch rausbekommen: "Wir ernten, was wir sehen" - sehr originell!) und mit dem morbiden Humor gesegnet, den ich schon bei anderen Ausbildern beobachten durfte. In der Pause sprach ich ihn auf seine Scherze an und er meinte: "Wissen Sie, wir müssen als Sanitäter auch irgendwo mit dem bleiben, was wir täglich sehen und das wird man zwangsläufig zynisch und abgebrüht!".
Das, was uns da heute geboten wurde, war mir wie gesagt, schon hinlänglich bekannt, aber ich fand es trotzdem gut, mich erneut mit der Thematik "Erste Hilfe" auseinanderzusetzen. Wie man natürlich vom Thema "Wunderversorgung" nahtlos zur "Sterbehilfe" rübergleiten kann, war schon ein Phänomen, aber auch für solche Diskussionen liess Stefan Zeit und liess jeden zu Wort kommen.
Es war überhaupt weniger ein Vortrag, der uns gehalten wurde, sondern eher ein reger Austausch von Erfahrungen, Meinungen und Fragen, das fand ich diesmal ausgesprochen anregend.
Hand aufs Herz:
Stellt Euch vor, Ihr kommt als Unbeteiligte an einen Unfallort oder werdet mit einer Situation konfrontiert, wo Ihr herausgefordert werdet, jemandem zu helfen... was würdet Ihr tun?
Ich habe selbst vor einigen Jahren bei einem Freiflug über den Lenker (mit daraus resultierenden Schlüsselbeinbruch) erleben müssen, wie wunderbar die Autofahrer an einem vorbei fahren, wenn man fast auf der Fahrbahn liegt und nicht mehr allein hochkommt. Aufgelesen hat mich schlussendlich ein ziemlich links-radikal aussehendes, etwas "abgerissenes" Pärchen mit knallbunten Haaren und zerlöcherten Jeans, die mich ohne viel Federlesen ins Krankenhaus fuhren und bei mir blieben, bis ich in den Röntgenraum geschoben wurde!
Was würdet Ihr tun?
Würdet Ihr vorbei fahren (das ist strafbar, meine Lieben und kann sehr teuer werden!), unsicher über die ungewohnte Situation mit der ungewissen Hoffnung, dass da "schon irgendjemand" anhält? Hättet Ihr den Mut auszusteigen und eventuell jemandem das Leben zu retten?
Ganz ehrlich, ich hätte mich in der einen Nacht sehr gefreut, wenn sich jemand eher ein Herz gefasst hätte, einfach stehen zu bleiben und zu fragen "Kann ich Ihnen helfen?".
Wie beim biblischen Gleichnis vom barmherzigen Samariter (nachzulesen im Neuen Testament, Lukas 10) kam dann schlussendlich ein etwas verwahrlostes Pärchen, um zu helfen, von dem ich es am Wenigsten erwartet hätte. Ihre selbstverständliche Hilfsbereitschaft hat mich sehr beschämt. Nicht selten gehe ich in der Stadt an solchen jungen Leuten überheblich vorbei.
Was würdet Ihr tun?
Ich glaube, dass so ein "Erste Hilfe Kurs" sehr motivieren kann, sich zu trauen, stehen zu bleiben. Man wird bei diesen Lehrgängen enorm ermutigt, nicht zuzuschauen, sondern einzugreifen.
Die einfachen Mantras:
"Ansprechen, Atem kontrollieren, erste Massnahmen treffen, Notruf abgeben, dabei bleiben" werden einem immer und immer wieder eingebleut, so dass man sie nicht vergessen kann. Ich glaube, in dem Moment ist das erprobte Verhalten einfach präsent. Und es ist gut, sich alle 2 Jahre dem auszusetzen, wer behält schon den korrekten Ablauf der stabilen Seitenlage im Kopf, wenn man vor 20 Jahren beim Führerschein einen Crash-Kurs gemacht hat?
Ich finde es nicht schlecht, ab und an zwangsrekrutiert zu werden, um diese ersten Massnahmen nicht zu vergessen.
Ich weiss, ich klinge wie auf einer Werbeveranstaltung fürs "Rote Kreuz". Aber ich glaube, wenn ich mal verletzt am Straßenrand liege oder in einen Autounfall verwickelt werde, dann werde ich sehr dankbar für jeden sein, der genau weiss, was zu tun ist und mich nicht einfach feige liegen lässt. Und wenn er mir bei einer Herz-Lungen-Massage alle Rippen bricht, werde ich dennoch nicht meckern, denn immerhin hat er mich am Leben gehalten!
Was würdet Ihr tun?
Falls Ihr nicht wisst, was Ihr in so einer Situation tun würdet, dann meldet Euch doch mal zu einem Ersthelfer-Kurs an, die sind nicht mal teuer (der finanzielle Aufwand entspricht etwa einem Kinobesuch mit Popcorn und Cola!)und findet auch an Wochenenden statt.
Kostet Euch nur ein paar Stunden, kann aber jemand anderem das Leben retten.
Ich bin Ersthelfer und das ist auch gut so! Wer weiss, wofür es gut ist.
Eure Trissi
©Tristesse


