Samstag, 11. September 2010

Spiegelbild




"Spiegelbild"

Sag mir alles was du denkst
Sag mir alles was du siehst
Wo gingst du hin
Hast du dich dafür gehasst
Wenn Gedanken weiter waren
Und dein Wort blieb stehen

Wolltest alles schon beenden
Weil die Hoffnung einfach ging
Was ist dann geschehen
Warst du viel zu oft alleine
Weil jeder der mit dir sprach
Aus Mitleid ging

Ich habe dich niemals vergessen
Nur vertrieben und verdrängt
Wo gingst du hin
Hatte viel zu oft nur Angst
Zu dir zu stehen und zu sprechen
Was ist dann geschehen

Jede Erinnerung jede Flucht
jeder noch so weite Weg
führte nur zu dir zurück
warst du viel zu oft alleine
Weil jeder der mit dir sprach
aus Mitleid ging

Manchmal kommst du mich besuchen
Und erinnerst mich daran
Wenn die Angst kam zu verlieren
hab ich oft an dich gedacht
denn wo sind all die klugen Stimmen
Die dein Leben einfach planten
Wo sind sie hin
Und wo sind all die Besserwisser
Die nur lachten und dich straften
Jetzt sind sie still, endlich still

Mit der Klinge in der Hand
Warst du kurz davor zu gehen
Was ist dann geschehen
Hast gewartet auf den Mut
Der als Hoffnung wiederkam
wie weit wolltest du gehen

Hättest dir niemals verziehen
Nur aus Schwäche aufzugeben
Was ist dann geschehen
Nur weil andere dich nicht sehen
So wie du wirklich bist
Wie weit wolltest du gehen

Manchmal kommst du mich besuchen....

Wenn du heute vor mir stehst
Und ich in deine Augen seh
Macht alles Sinn
Denn ohne deinen Schmerz
Hätte ich nie die Kraft gefunden
So zu sein wie ich heute bin

Manchmal kommst du mich besuchen..."

©Lyrics&Musik: Unheilig

"Ich bat Gott um eine kleine Kerze
für meine Dunkelheit...

... und er schenkte mir
einen Sonnenaufgang."


©Tristesse


Im September fiel mir auf, dass ich über Monate nicht gebloggt hatte und konnte eigentlich nichts anderes als "Spiegelbild" von Unheilig posten, weil das in dem Moment am besten zu mir passte.

Drei Monate später hätte ich immer noch nichts zu sagen.

Mir war klar, dass die Therapieerfolge mein Leben verändern würden, aber ich hätte nie gedacht, dass sie mich sprachlos machen könnten. 20 Jahre lang hatte ich wie unter einer Decke gelebt, der Schmerz und die Trauer gehörten zu mir wie vertraute Freunde und als sie mich verliessen, stand ich erst mal mit leeren Händen da.

Und dann fing ich an zu leben. Zum ersten Mal seit langen, langen Jahren stand ich morgens lächelnd auf und ging zur Arbeit. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal wirklich glücklich gewesen war und mich überforderte dieser Zustand völlig.

Meine Therapeutin nennt diesen Zustand "Nach-Therapeutische Euphorie"... wenn man nie gelernt hat, dass man etwas sehr Kostbares ist, dann ist der Neugewinn des Selbstwertes etwas unglaublich Mächtiges. Mich hat es umgehauen.

Ich hab innerhalb von 6 Monaten sämtliche psychischen und physischen Abhängigkeiten losgelassen, 16 kg abgenommen und erfahren, was es bedeutet, glücklich zu sein. Ich kannte mein "Neues Ich" noch nicht und war das letzte halbe Jahr damit beschäftigt, die Tristesse zu entdecken, wie sie wirklich ist und wie sie wohl auch in Zukunft sein wird.

"Manchmal kommst du mich besuchen
Und erinnerst mich daran
Wenn die Angst kam zu verlieren
hab ich oft an dich gedacht
denn wo sind all die klugen Stimmen
Die dein Leben einfach planten
Wo sind sie hin
Und wo sind all die Besserwisser
Die nur lachten und dich straften
Jetzt sind sie still, endlich still"


Und dann, in den letzten 2 Wochen, hat mich mein "altes Ich" kurz besucht und mir erzählt, wie es damals war und dass die Möglichkeit besteht, dass es irgendwann zurückkehrt. Einen Augenblick hatte ich nicht auf mich aufgepaßt und es dauerte nicht lange, bis meine Seele wieder düster und traurig wurde.

Es machte mir eine Todesangst.

Zum Glück lernt man in einer Therapie nicht nur, alte Baustellen abzubauen und neue aufzurichten, sondern auch sein Werkzeug in die Hand zu nehmen und dafür zu sorgen, dass die alten Wunden nicht mehr so schnell aufreissen. Dieser Stimmungsumschwung nach den lange Wochen der Euphorie hatte mich einen Moment aus dem Gleichgewicht gebracht, aber ich wusste Gott sei Dank, wie ich damit umgehen sollte.

Ich glaube nicht, dass es schlimm ist, wenn ich das Melancholische in mir bewahre. Ich habe gemerkt, dass es anderen gut tut, wenn ich ihre Trauer verstehe. Und nur wer selbst schon mal am Abgrund stand, versteht denjenigen, der springen will.

Momentan sehe ich noch sehr wenig Sinn in all dem, was ich erleben musste, aber ich verstehe, dass es mich glaubwürdig für diejenigen macht, die selbst erfahren haben, was es bedeutet, in der Dunkelheit leben zu müssen. Ich glaube nicht, dass der Nutzen, den ich durch meine Vergangenheit ziehen kann gross genug ist, um das Leid zu relativieren, aber ich benutze meine Erfahrung trotzdem. Was sollte ich sonst mit ihnen anfangen?

"Wenn du heute vor mir stehst
Und ich in deine Augen seh
Macht alles Sinn
Denn ohne deinen Schmerz
Hätte ich nie die Kraft gefunden
So zu sein wie ich heute bin"


Als mein "altes Ich", mein "Spiegelbild" mich letzte Woche besuchte und glaubte mir einreden zu können, dass ich nichts Wert bin, habe ich ihm einen Augenblick lang geglaubt. Für ein, zwei Abende bin ich in mir zusammengebrochen und hab mich gefangen nehmen lassen.

Aber dann fiel mir ein, dass ich, wie in dem Lied von Unheilig bschrieben, diese Seite von mir fortgeschickt hatte. Ich wollte die alte Trissi nicht wiederhaben, sie hat mir nur Leid und Schmerzen gebracht. Natürlich darf sie ab und an vor der Tür stehen und mahnen "Vergiss mich nicht, ohne mich wärst du nicht da, wo du jetzt bist!", aber ich möchte sie nie wieder als Bewohner in meinem Haus haben. Dazu habe ich einfach zu lange getrauert. Es ist endlich die Zeit gekommen, zu leben und glücklich zu sein, ich habe das nie erlebt.

Was das für diesen Blog bedeutet, weiss ich nicht, das muss ich sehen.

Ich würde gern lernen zu bloggen, wenn ich nicht traurig bin, sondern Spaß am Leben habe. Ich hab eigentlich nur geschrieben, wenn es mir nicht gut ging und vielleicht schaffe ich es ja auch mit Euch zu reden, wenn alles in Ordnung ist? Fände ich schön.

Bleibt bei mir,
Eure Tris